Schüleraustausch mit Lubań
Exkursionstagebuch 2009
Donnerstag, 7. Mai
Auf nach Polen! Unser Weg zur Schule in Lubań beginnt mit einem Fußmarsch nach Bad Kösen. Ausgestattet mit Rucksäcken, Rollkoffern und aufmunternden Worten von Herrn Westermeyer fahren wir mit Regionalbahnen über Leipzig und Dresden nach Bischofswerda – denn wer kennt schon Bischofswerda? Also weiter nach Görlitz. Hier beginnt die zweite Wanderung (auf polnisch "spacer", also Spaziergang), die uns über die Grenzbrücke zum zgorzelecschen Busbahnhof führt. Dann mit polnischem Uralt-Bus bis nach Lubań. Die Gastfamilien warten schon ungeduldig und wollen uns gleich mit nach Hause nehmen. Also, die Schule sehen wir heute nicht mehr. Nach der Begrüßung mit den Gasteltern, die nicht ohne Verständigungsprobleme verläuft ("Dzień dobry" – und was sagt man danach?), schauen wir uns die Stadt an: Dreifaltigkeitskirche, Haus am Schiff, historischer Marktplatz mit Krämerturm und Rathaus (das heißt ratusz). Von Zeit zu Zeit treffen wir immer mal wieder bekannte Gesichter aus unserer Gruppe. Später fallen wir gut abgefüttert und völlig erschöpft ins Bett – ein anstrengender Schulweg.
Freitag, 8. Mai
6:30 Uhr. Gastfamilien-Wecker. Frühstück. Um 8:00 Uhr treffen wir uns mit der Gruppe am Bus. Drei Stunden später (Stau heißt auf polnisch übrigens "korek", Korken aber auch!) sind wir in Breslau bzw. Wroclaw. Wir laufen mit der Gruppe durch die Stadt. Alle Polen tragen Berlin-Taschen. Nur die Bauarbeiter tragen T-Shirts, auf denen sinnigerweise "T-Shirt" steht. Wir stehen am Geldautomaten – ein wahres Abenteuer. Also, wir waren in der Stadt. Tausend Fotos von Sehenswürdigkeiten und Sehensunwürdigkeiten. Ein Kaufhaus, diverse Läden und ein neues Abenteuer: Essen bestellen bei McDonald's – Betrugsversuch und fehlender Złoty inklusive. Verkehrsregeln werden in Breslau erstaunlicherweise eingehalten. Man bleibt an der roten Ampel stehen. Infolgedessen stauen sich gigantische Menschenmassen (Stau heißt ...), die auf Knopfdruck starten. Es kommt zu Wettkämpfen, alte Frauen eilen, sprinten zur Straßenbahn. Schlägerei, Polizei, Chaos, Protestantismus! Um 15:00 Uhr treffen wir uns alle wieder. Keiner weiß,warum. Irgendwann, viel später, holt der Bus uns ab – pünktlich zu Beginn der Rushhour in Breslau ("im Stau" heißt übrigens "w korku"). Zwei Stunden später erreichen wir Kreisau, völlig fertig, aber verzaubert von der Schönheit dieses traumhaften Ortes. Erst der Zickenstreit bei der Zimmerverteilung holt uns wieder in die Wirklichkeit zurück. Abends spielen wir "gry integracyjne". Mal sehen, wie's wirkt.
Sonnabend, 9. Mai
Unser erster ganzer Tag in Kreisau. Nach unserer przyjazd hier gestern Abend erkunden wir heute den ehemaligen Gutshof des Freiherrn von Moltke. Wir arbeiten in grupy zur Geschichte Kreisaus und lernen Schloss, Berghaus, "Kaiserbahnhof" (für Wilhelm II.) und Kapellenberg auf einer Rallye durch den Ort kennen. Die porozumienie wird unterwegs immer besser – unsere polnischen Freunde sprechen wirklich gut deutsch. Bardzo dobrze! Am Nachmittag erkunden wir die unendlichen Weiten des Mikrokosmos: Alle zusammen, also 35 Einzelmenschen, sollen binnen einer Minute versteckte Gegenstände auf der großen Wiese einsammeln – als Menschenkette an den Händen gefasst (ohne loszulassen!). Dann ein puzzle grupove, um etwas mehr über die historia polski zu erfahren; am späteren Nachmittag dann schließlich Freizeit. Abends zeigen unsere Kreisauer Betreuer Jan und Johanna (Johanna nennt man übrigens "Freiwillige" – aber welchen Status hat Jan??) uns eine Dokumentation über das Leben von Helmuth James von Moltke und den Kreisauer Kreis (deutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus). Anschließend lesen wir an authentischem Ort aus den letzten Briefen des Freiherrn an seine Frau, andere schauen den Film "Die letzten Tage der Sophie Scholl".
Niedziela bzw. Sonntag, 10. Mai
Unsere erste Station auf dem Weg zu einem gelungenen Sonntag ist die allmorgendliche Plackerei wstawać / aufstehen. Zweite stacja: Die Auseinandersetzung mit einer Tür (drzwi), die nicht gewillt ist, uns Einlass in die jadalnia zu gewähren, wo das Frühstück auf uns wartet. Lernresultat ist eine Verspätung von dwadzieścia minut (20 min). Dies ist jedoch nur ein Vorbote des Arbeitsprogramms: eine "kurze" Auseinandersetzung mit der historia śląska. Da Schlesien aber lange und wechselvoll besiedelt wurde, nehmen die Gruppenvorträge förrmlich kein Ende. Vierte Station: Eine Busfahrt zur kościoł pokoju nach Świdnica, wo es nichts Wesentliches zu hören gibt – der Gottesdienst auf deutsch (msza po niemiecku) fällt aus. Fünfte Station: Z autobusem do Rogoźnica, zum ehemaligen KL, das beharrlich und fälschlich gemeinhin als KZ bezeichnet wird. Nach drei Stunden Besichtigung der Anlage, größtenteils auf unseren Füßen, werden wir schließlich wieder nach Hause gefahren, aber nur fast nach Hause! Gefühlte 42 km vor dem Ziel hält der Bus an der sechsten stacja dieses Tages: ein Gewaltmarsch von czterdzieści minut beginnt. Wir lernen dabei, dass dies ein Vergnügen sein soll. Letzte Station: Za kolacją setzten wir den Geschichtsexkurs fort. Und nach insgesamt 12 Stunden Arbeit (was ja lediglich ein halber Tag gewesen ist) zerstreuen wir uns in der hala sportowa, wobei unser polnischer Freund Michał die Position des mit Abstand schlechtesten Spielers einnimmt (to jest humor).
Poniedziałek, der namenlose Nachsonntag, 11. Mai
Trübe Aussichten und ein entsetzlicher krzyk wecken frühmorgens die noch im tiefen sen Versunkenen. Ein männliches Wesen im piżama hat sich in Kingas łóżko verirrt und macht dort seine nocleg. Die arme Kinga, nur in ręcznik und seidige Tropfen warmen Duschwassers gehüllt, verlässt fluchtartig das Zimmer. Draußen findet schlesischer Landregen statt: śląski deszcz. So tapsen wir über die łąka zum śniadanie und nach dem Essen, heute ohne Wiesenpurzelbaum (der heißt koziołek), do warsztatu im feudalen pałac. Temat jest "polsko-niemieckie Beziehungen", also: die Prusy, die Zeit der Teilung, druga republika, era Adenauera, śtrajk i rewolta, Kniefall Willy Brandta, KOR i Solidarność, piłsudski-gierek-gomułka-jaruzelski-wałęsa-kohl-mazowiecki-bracia-kaczynscy-erika-steinbach-donald-tusk. Die Internet-Recherche dafür ist leichter gesagt als getan. Denn polska klawiatura nie ma ö – hallo? Nach dem obiad luksusowy prezentujemy kreatywnie mit schwarzen Löchern, Choreographien und ominösen Kuscheltieren. Es bleibt sogar noch czas wolny zur Vorbereitung auf die dyskoteka, mit viel puder, manikiur und prostownica. Atmosfera i muzyka są fajne.
Folgerichtig wtorek, 12. Maj
Aktualny to jest alarm. Jest osiem Uhr, in trzydziesci minut fährt naszy autobus. Wiec szybko – also schnell! Musimy pakowac kuferow. Vor der odjazd noch termin fotografowanie am pałac. Alle stają na podeste. Dann heißt es auch schon "Do widzenia, Krzyżowa, jechamy do Lubania!" Dort angekommen jechą alle do sympaticzny Gastfamilien. "Cześć" i "dobry wieczór" sagen wir beim abendlichen spotkanie in der piwnica. Wir spielen bilard, automat do gry, wir dyskutowamy und genießen kultura (lechtyskieokocimharnas ...), essen łody włonski – wir haben eine fantasticzny czas! Stephies nowa frizura, Ellis gelochte uchy, śnieg auf den Bergspitzen – und eine echte polka kann in High-heels auch wandern.
Szkoda, już jest Środa, unser lecter tak, 13. Maj.
Mit regularny verspetunk komen die lecten unzerer grupa auch cum dworzec PKS, wir zagyn auf dem peron "Do widzenia" i sint bardzo trauriś. In Zgorzelec maszerowamy zur alten granica, kupowamy ain lectes mal im sklep, cum bajspil lody i woda. Dan sint wir cum cuk gelaufen und haben das polnysche gelt gewekselt. Werent der cukfart haben wir noch fil an die zajt mit den nojen frojnden gedacht. In Lajpcik haben wir wider esen gekauft, aber dismal mit oiro becalt. – "Smacznego!", das werden wir wol nicht los. Unt als wir den cug in Bat Kojsen ferlasen, szajnt wider die zone – aber irgent etwas hat siś ferendert in Szulpforte: wir haben kajne ankst mer for der polnischyn szprache.