Landesschule Pforta. Begabtenförderung im Internatsgymnasium seit 1543, <www.landesschule-pforta.de>.

Festrede zum Abitur 2010

von

Bernd Westermeyer (rec. port.)

Als Rektor habe ich am heutigen Tage die Ehre, Euch zum letzten Mal in Eurem Leben als Schülerinnen und Schüler der Landesschule Pforta anzusprechen - Ihr habt, nein, Sie haben einen ersten Wendepunkt in Ihrem Leben erreicht.
Welchen Charakter aber verleiht man einer solchen letzten Ansprache im schulischen Rahmen? Erwarten Sie eine Rückschau, einen Ausblick, eine Fest- oder Abschiedsrede? Geht es überhaupt darum, Erwartungen zu erfüllen? Statt Antworten auf diese Fragen zu suchen, werde ich mich um die berühmte Quadratur des Kreises bemühen.
Der heutige Tag hat für mich viel mit dem Jahreswechsel gemein – markiert er als lang ersehnter Wimpernschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft doch einen wundersam zeitlosen Moment. Schenken Sie mir einige Minuten dieser besonderen Zeit, um vor dem Hintergrund Ihres bevorstehenden Abschieds von der Landesschule Pforta zunächst einen Blick zurückzuwerfen:
Mir erscheint es müßig, über alle möglichen und unmöglichen Erfahrungen zu spekulieren, die Sie während Ihrer Schulzeit in Schulpforte gemacht haben, gern gemacht hätten oder vielleicht hätten machen sollen. Zu vielfältig und mitunter auch geheimnisvoll gestaltet sich das Leben beiderseits der Kleinen Saale, und viel Wesentliches bleibt für die Augen der Lehrerschaft abseits des Unterrichts Gott sei Dank unsichtbar ...
Eindeutig belegbar ist, dass sich die diesjährige Abiturientia bis auf wenige Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger vor vier Jahren an gleicher Stelle in das schwere, ledergebundene Immatrikulationsbuch der Landesschule eintrug. Zahlreichen Gesprächen der letzten Monate zufolge war dies für viele von Ihnen der Auftakt zu vier ungemein intensiven Schul- und Lebensjahren als Pfortenserinnen und Pfortenser.
Näher kennenlernen durfte ich Ihren Jahrgang während dieser Zeit unter anderem im Unterricht, als kinderfreundliche Mitbewohnerinnen im Nord-West-Gebäude, über die Ausdauerlauf-AG, die Schülervertretung, über unsere Schülerfirma, das Gartenhaus-Team, bei Andachten und Gottesdiensten, über die Schulprogrammarbeit, bei Exkursionen aller Art, über die Kunst, Konzerte und Theateraufführungen oder auch in persönlichen Gesprächen. Immer wieder konnte ich mich dabei über Ihr Engagement für unsere Schul-Polis, über kreativ-konstruktives Mitdenken, Ihre überdurchschnittliche Arbeitshaltung sowie die aus ihr resultierenden kleinen und großen Erfolge freuen.
Manche Tage waren natürlich auch von gemeinsamen Sorgen oder wechselseitigem Ärger belastet. Reibung hat es also durchaus gegeben. Von "Reibungsverlusten" aber möchte ich nicht sprechen, denn an manch hitziger Auseinandersetzung sind wir gemeinsam gewachsen.
Naturgemäß wird die Bilanz Ihrer Zeit an der Landesschule Pforta trotz aller Bemühungen Ihrer Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer sowie eines überaus aktiven Kollegiums und des erneut sehr guten Abiturdurchschnitts von 1,9 aus Ihrer Sicht individuell unterschiedlich ausfallen und sich über die Jahre verändern. Einiges glaube ich aber bereits heute festhalten zu können: Nach meiner Überzeugung verlässt niemand von Ihnen die Landesschule, ohne den der Wunder vollen Jahreslauf der uns umgebenden Natur bewusst erfahren und in sich aufgenommen zu haben – diese Erfahrung ist für uns Menschen des 21. Jahrhunderts keineswegs mehr selbstverständlich und doch so wesentlich: Die Herbst- und Wintermonate im langen Schatten des Knabenberges vergehen besonders im ersten Jahr an der Landesschule sehr langsam und sind zweifellos ungewöhnlich dunkel, feucht und kalt. Umso intensiver erleben Pfortenserinnen und Pfortenser dann aber die Rückkehr des Lebens, der Farben und der wärmenden Sonnne im Frühling, das Zwitschern der Vögel inmitten blühender Raps- und sommerlicher Getreidefelder sowie die vielfarbige Pracht des Waldes und der Weinberge im Herbst.
Dauerhaft prägend müsste für Sie neben der Schönheit der uns umgebenden Naturlandschaft auch die architektonische Vielfalt der Schulgebäude sowie unseres alten Zisterzienserklosters gewesen sein. Dank der Vielgestaltigkeit des Ortes bewegt man sich in Schulpforte innerhalb eines mit allen Sinnen erlebbaren historischen Kontinuums. Dessen besondere Wirkung wird sich vielen von Ihnen möglicherweise erst an der Universität oder am Arbeitsplatz erschließen, wo Sie sich tagtäglich mit den vergleichsweise kurzlebigen Funktionsbauten der Gegenwart konfrontiert sehen werden. Spätestens dann wird auch unsere alte Keilglocke lieblich nachklingen, deren Weckgeläut um 6 Uhr Sie während Ihrer Schulzeit vielleicht als Ärgernis empfunden haben. Und ein Latte Macchiato im angesagtesten Studentencafé dürfte den Genuss eines Joe Clever-Trinkpäckchens unter der sonnendurchfluteten Kastanie im Kreuzgang, auf einer Bank am Mühlteich oder im Park kaum aufwiegen.
Wichtig für eine positive Reflexion Ihrer Schulzeit erscheint mir zuletzt in besonderer Weise, dass Sie es vermocht haben, Spuren zu hinterlassen: Ich spreche hier vorrangig nicht von den Dienstbüchern der Internate, deren Eintragungen späteren Historikern mit Sinn für gewisse Skurrilitäten vorbehalten sein sollten, von den Protokollen außerplanmäßiger Klassenkonferenzen oder Ihrem auffällig rückwärtsgewandten Männer-Schnappschuss zur Markierung eines Ihrer letzten Schultage. Ich denke eher an Ihre ästhetischen Schwarz-Weiß-Photographien und andere Kunstwerke, die gleichermaßen unsere Internate und das Schulgebäude zieren, an Ihre Beiträgen zur Keilzeit und für die Pforte zur Literatur, die in vielen Bücherregalen archiviert sind, an Ihre Musik, die auf CD gebannt noch lange erklingen wird, an Ihre Theateraufführungen und Konzerte sowie auch die Kolloquien zur Verteidigung Ihrer Besonderen Lernleistungen, die in den Erinnerungen vieler Mitschüler, Lehrer, Familien und Gäste als besondere Momente fortleben werden.
Nahe liegend ist nach dieser kurzen Rückschau selbstverständlich auch der Blick nach vorn. Obschon er naturgemäß unscharf ausfällt, möchte ich ihm Raum geben:
Was morgen geschehen, was in einer Stunde sein wird, vermag niemand genau zu sagen. Dennoch dürfte unter uns Konsens darüber bestehen, dass man als Mensch optimistisch planen und mit Beharrungsvermögen auf gesteckte Ziele hinarbeiten sollte. Das dazu notwendige Rüstzeug soll und muss neben der Familie vor allem die Schule vermitteln. Als eine Art (Aus-)Bildungslabor, das im Rhythmus von Regierungswechseln immer neue, bundesweit nicht effektiv harmonisierte Experimente realisiert, soll zum Beispiel das Gymnasium zukunftsorientiertes Grundlagen- und Orientierungswissen vermitteln, Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung ermöglichen sowie Sinn stiftende Erfahrungen unterschiedlichster Art zulassen.
Wie auch immer dieser Balanceakt am Ende ausfällt: Mittlerweile erwirbt man mit dem Abitur nach 12 Schuljahren fast überall in Deutschland die Allgemeine Hochschulreife, also die Zugangsberechtigung zur Universität oder zu dem, was im Zuge des so genannten "Bologna-Prozesses" von der klassischen deutschen Universität Humboldtscher Prägung übrig geblieben ist.
Dieses "Abitur" wird mitunter auch als „Bildungsabschluss“ bezeichnet. Aus meiner Sicht ist dieser Begriff ein Unwort, denn er suggeriert trügerisch, die Phase der Bildung sei mit dem Abitur beendet, und im Anschluss beginne das "wahre Leben" als eine Art komplexe Standardsituation, die mit Hilfe eines in der Schule erworbenen Wissenspakets erfolgreich bewältigt werden könne. Tatsächlich aber wird sich der Lern- und Bildungsprozess jedes Einzelnen von Ihnen unabhängig vom individuell eingeschlagenen Weg gewiss fortschreiben. Sie werden weiter Wissen erwerben, erwerben müssen, Gelerntes immer wieder korrigieren, vielleicht völlig verwerfen oder ungenutzt vergessen. Zugleich werden Sie sich selbst ein Leben lang immer neu entdecken und weiterentwickeln.
Relativieren diese Annahmen den Wert gymnasialer Bildung nachhaltig? Und welche Bildungsziele vermag ein humanistisches Internatsgymnasium wie die Landesschule Pforta in einer Zeit zunehmend unüberschaubarerer Wissensbestände und sich beständig wandelnder Lebens- und Arbeitsbedingungen überhaupt noch zu formulieren und zu erreichen?
Ich erinnere mich vor dem Hintergrund dieser Fragen an den Wortbeitrag eines Vaters während einer Sitzung des Schulelternrates zur Schulprogrammarbeit. Er formulierte zwei wichtige Sätze, denen auf meine zugegebenermaßen ungläubige Nachfrage alle anwesenden Elternvertreter zustimmten. Ich zitiere: "Uns Eltern geht es in erster Linie nicht um einen NC-Durchschnitt. Wir möchten vor allem, dass unsere Kinder die Landesschule glücklich und mit Rückgrat verlassen."
Den hier angesprochenen Gedanken der zentralen Bedeutung der Ausbildung einer selbstbewussten Persönlichkeit haben wir als Schule in der Folge beherzt aufgegriffen und sowohl im Leitbild als auch im Bildungskonzept der Landesschule fest verankert. Mehr noch, im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals gaben wir uns orientiert am Ziel der Ausprägung der individuellen Persönlichkeit unserer Schülerinnen und Schüler im vergangenen Jahr außerdem ein für die Landesschule wegweisendes Schulmotto: "Gnothi seauton" – "Erkenne Dich selbst!" oder freier nach Nietzsche "Werde, der Du bist!"
Ob wir Lehrerinnen und Lehrer dem genannten Leitspruch im Hinblick auf Ihren Abiturjahrgang bereits ausreichend Raum gegeben haben, vermag ich nicht zu sagen, denn Persönlichkeit ist weder schematisch zu erzeugen, noch valide zu erfassen und entwickelt sich ein Leben lang fort. Sofern man "Persönlichkeit" allerdings als individuell gelebte Überzeugung definiert, haben Sie in der aktiven Auseinandersetzung mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern sowie auch dem Kollegium in der Tat immer wieder Rückgrat bewiesen.
So konnte ich nicht nur beobachten, dass Sie die Haltungen und Überzeugungen Ihrer Mitmenschen problematisierten und lebhaft diskutierten. Ich durfte vielmehr erleben, dass viele von Ihnen Ihre jeweils für richtig erkannten Haltungen und Überzeugungen in der großen Gemeinschaft auf kleinem Raum individuell tatsächlich zu leben versuchten. Diese konsequente Geisteshaltung – vielleicht identisch mit dem immer wieder einmal thematisierten "Geist Pfortes" – tragen Sie am heutigen Tage als Schatz mit in die Welt, den Sie sich auch zum Wohle unseres Gemeinwesens dauerhaft bewahren sollten.
Doch zurück zur bereits angesprochenen Schulelternratssitzung: Kann die Landesschule Pforta im Sinne der Elternschaft tatsächlich gewährleisten, dass ihre Absolventinnen und Absolventen die alma mater nicht nur als selbstbewusste Persönlichkeiten, sondern auch als "glückliche" Menschen verlassen? Waren Sie in Schulpforte glücklich? Durchschreiten Sie heute glücklich die große Außenpforte der Landesschule im Torhaus? Haben Sie hier in Schulpforte das Rüstzeug für ein glückliches Leben erworben? Was überhaupt ist "Glück"?
Den Gründervätern der Vereinigten Staaten war persönliches Glück derart wichtig, dass sie das "Streben nach Glück", "the pursuit of Happiness" neben dem Recht auf Leben und Freiheit in die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 aufnahmen.
Eher rational geprägte Menschen unter uns mögen sich jetzt fragen, wie Thomas Jefferson und seine Mitstreiter auf die irrational anmutende Idee kamen, das Streben nach Glück als universelles Menschenrecht festzuschreiben. Dies umso mehr, als nicht geklärt zu sein scheint, was genau man sich unter „Glück“ als Zustand überhaupt vorstellen soll.
Glück als Menschenrecht erklärt sich, wenn man "the pursuit of Happiness" nicht als "Streben nach Glück", sondern als "Streben nach Glückseeligkeit" übersetzt. Hier knüpften die US-amerikanischen Gründerväter an die Philosophie des antiken Griechenland an. Für Aristoteles war "Glückseeligkeit" das wesentliche Lebensziel des Menschen und nur durch die Ausschöpfung der eigenen Tugenden, d. h. aller vernunftbedingten Fähigkeiten zu erreichen. Die eigenen guten Anlagen für sich zu entdecken und im Rahmen der individuellen Möglichkeiten fruchtbar zu machen, war seiner Auffassung nach Aufgabe des Menschen.
Auf dieser geistesgeschichtlich-philosophischen Grundlage schließt sich ein Kreis: Persönlichkeit und individuelle Glückseeligkeit ergänzen, ja bedingen einander; sie spenden inneren Frieden und ermöglichen Zufriedenheit. Diese Zufriedenheit heutzutage empfinden zu können, ist andererseits jedoch keineswegs selbstverständlich.
Ein Wahn unserer Gegenwart, der Unzufriedenheit stiftet, ist für mich zum Beispiel das medial pausenlos vermittelte Ideal des vollkommenen Menschen. Was bedeutet es, sich latent am gerade aktuellen Schönheitsideal zu messen, jedweden Fehler zu fürchten, beständig 120% Leistung zu bringen und zugleich ein perfekter Partner sowie eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater sein zu wollen?
Wer in allen Bereichen beständig um Perfektion ringt und die menschliche Begrenztheit nicht akzeptiert, wird ein Leben lang getrieben sein und auf Dauer nicht nur seine Leistungskraft verschleißen, sondern bedingt durch fortwährende Frustrationserlebnisse auch seine Lebensfreude verlieren.
Entsprechend möchte ich zum Ende meiner Rede der Hoffnung Ausdruck geben, dass Sie Ihre individuellen Potentiale und Grenzen gleichermaßen positiv annehmen. Sie werden von einer liebenden Familie und echten Freunden gewiss auch dann getragen werden, wenn Sie nicht fortgesetzt das Maximum dessen erreichen, was abstrakt vorstellbar ist.
Träger Selbstzufriedenheit und Mittelmaß rede ich damit keineswegs das Wort. Ganz im Gegenteil: Greifen Sie auch weiterhin nach den Sternen und seien Sie mit Hingabe und Leidenschaft bei der Sache, wann immer Ihnen Menschen oder Aufgaben wichtig sein sollten. Achten Sie dabei andererseits jedoch ein Leben lang darauf, das "rechte Maß" zu finden, das heißt die nicht pauschal definierbare Mitte zwischen dem Zuviel und Zuwenig.
Der Schweizer Autor Max Feigenwinter hat dieser einst bereits von Aristoteles formulierten Einsicht einige poetische Zeilen gewidmet, die ich abschließend vortragen und Ihnen als kurzes, durchaus memorierbares Vademecum mit auf den weiteren Lebensweg geben möchte:
Dem Glück auf der Spur
Spüren, was wesentlich ist;
hören, was du mir sagst;
verstehen, wie du es meinst;
sehen, wenn du mich brauchst;
sagen, was mich beschäftigt;
geben, was ich kann;
tun, was mir entspricht;
warten, wenn es weiterhilft;
annehmen, dass nicht alles gelingt;
vertrauen, dass wir uns wiederfinden
und sein dürfen, wie wir sind.
Auf ein glückliches Wiedersehen in Schulpforte, leben Sie wohl!
© 2010 Landesschule Pforta