Landesschule Pforta. Begabtenförderung im Internatsgymnasium seit 1543, <www.landesschule-pforta.de>.

Festrede zur Immatrikulation 2009

von

Bernd Westermeyer (rec. port.)

Es gibt Tage im Leben eines Menschen, die von besonderer Bedeutung sind, weil sie dem Leben eine neue Richtung geben, weil ein neuer unbekannter Weg eingeschlagen wird. Heute ist ein solcher Tag für 80 Obertertianerinnen und Obertertianer sowie 13 Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger aus ganz Deutschland.
Die Gründe für Euren Wunsch, einen neuen Pfad zu beschreiten, um in Schulpforte zu lernen und zu leben sind vielfältig, und in den meisten Fällen kommen offenbar unterschiedliche Faktoren zusammen. In Euren Lebensläufen finden sich häufig Hinweise, die mit Blick auf die ohnehin fragmentierte deutsche Schullandschaft traurig stimmen: So berichtet Ihr immer wieder von Gymnasien, an denen Lernfreude, Leistungswille und schulischer Erfolg von Mitschülern durch Mobbing bestraft wird oder beklagt latente Unterforderung im Unterricht. Eure Erwartungshaltungen an unsere Schule und Internatsgemeinschaft sind entsprechend hoch und zugleich von Ängsten begleitet, die für Neulinge keinesfalls ungewöhnlich sind: "Habe ich mich für den richtigen Spezialzweig beworben?" "Werde ich weiterhin zur Leistungsspitze gehören, ohne lernen zu müssen, und wie lernt man eigentlich?" "Werde ich zwischen den Heimfahrtwochenenden ohne meine Familie und alten Freunde leben können?" "Werde ich auf einer Stube mit zwei oder gar drei Mitschülerinnen oder Mitschülern genügend Privatsphäre haben?" Diese Aufzählung von Befindlichkeiten ließe sich mühelos fortsetzen.
Ohne allgemein gültige Antworten auf all Eure Fragen geben zu können, vermag ich doch zu beruhigen. Die überwiegende Mehrzahl der 20.573 Schülerinnen und Schüler, die seit 1543 an dieser Schule gefördert wurden, haben ihre Schulzeit nicht nur überlebt, sondern hier im schönen Saaletal derart prägende überwiegend positive Erfahrungen gemacht, dass sie ihrer alma mater sowie auch Ihren Mitschülern und Lehrern, ein Leben lang eng verbunden blieben. Selbstverständlich hoffe ich in diesem Augenblick, dass auch Ihr Eure durchaus mutige Entscheidung für die Begabungsförderung der Landesschule Pforta rückblickend nicht bereuen werdet.
Doch zurück zur Gegenwart, zurück zum Moment vor dem ersten entscheidenden Schritt, Eurer feierlichen Einschreibung in unser Immatrikulationsbuch, mit der Ihr persönlich eine Art Vertrag eingeht, der im Regelfall erst mit Eurem Ableben erlöschen wird. Ihr werdet mit Eurer Unterschrift zunächst Eure Absicht bekräftigen, die Landesschule Pforta für vier Jahre zum Mittelpunkt Eures Lebens zu machen: hier gilt es ab jetzt zu lernen und vor allem zu leben! Nach dem Abitur wird Schulpforte dann zu einem Ort der lebendigen Erinnerung werden, zu einem Ort, an den man ein Leben lang zurückkehren darf, um die bereichernde Gemeinschaft mit alten Schulfreunden sowie jüngeren oder auch älteren Pfortenserinnen und Pfortensern zu genießen.
Eure heutige Aufnahme an der Landesschule Pforta macht Euch durchweg zu Stipendiatinnen und Stipendiaten des Landes Sachsen-Anhalt, das aus knappen Steuermitteln seit Jahren Millionenbeträge in die Schülerinnen und Schüler sowie auch die Infrastruktur dieser Schule investiert. Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir, dass Ihr Euch des Privilegs, hier leben und lernen zu dürfen, immer wieder neu bewusst werdet. Ich wünsche mir, dass Ihr das Leben im Internat weniger als Freiheit von etwas, sondern vielmehr als Freiheit zu etwas versteht, und ich wünsche mir, dass Ihr Euch Eurer Förderung durch die Gesellschaft vom ersten Tag an würdig erweist!
Damit meine ich nicht, dass Ihr mir, anderen Lehrerinnen und Lehrern oder gar Landespolitikern Dankbarkeit zeigen müsstet, denn Ihr habt in einem Auswahlverfahren sehr gute Leistungen gezeigt und Euch gegen starke Mitbewerber durchgesetzt. Zweierlei gilt es allerdings zu beachten: Wie in jeder funktionierenden menschlichen Gemeinschaft gibt es natürlich auch in Pforte – so nennen wir Einheimischen Schule und Ort im Alltag – geschriebene und bisweilen auch ungeschriebene Regeln. Sie haben verbindlichen Charakter, denn einzig verlässliche Regelungen können die Freiheit des Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft garantieren. Ich betone die Verbindlichkeit unserer internen Gesetze, weil sie Neulingen mitunter nicht selbstverständlich ist, weil ich unsere älteren Schüler an ihre unverzichtbare Vorbildfunktion erinnern und weil ich Euch als unsere neuen Schülerinnen und Schüler vor schmerzlichen Erfahrungen bewahren möchte.
Weiterhin sollt und müsst Ihr wissen, was es heißt, ein echter Pfortenser zu sein, bevor Ihr Euch endgültig dafür entscheidet, unsere Pforte zu durchschreiten. So werde ich im Folgenden etwas ausführlicher darauf eingehen, was die Landesschule oder besser, was die Pfortenserinnen und Pfortenser, ihre Lehrerinnen und Lehrer und was ich als rector portensis von Euch als Menschen erwarten: An erster Stelle erwarten wir Offenheit. Offenheit für eine neue Welt, die Ihr Euch in den kommenden vier Jahren zuweilen mühsam werdet erschließen müssen, an der ihr zugleich aber auch mitbauen, die Ihr mitreformieren dürft. Besonders in den ersten, manchmal langen Monaten bis Weihnachten wird es darum gehen, Euch auf Neues einzulassen; es wird darum gehen, älteren Mitschülerinnen und Mitschülern sowie Euren Lehrerinnen und Lehrern das Vertrauen und den Respekt entgegenzubringen, den auch Ihr von anderen Menschen erwartet.
Wir Älteren – Schüler wie auch Lehrer – werden uns zugleich bemühen, Euch das Leben in Schulpforte so leicht wie möglich und so schwer wie nötig zu machen. Wachsen werdet Ihr nämlich nicht an Herausforderungen, die Ihr sofort spielend meistert, sondern an all jenen Erfahrungen, die mit Anstrengungen und durchaus auch einmal mit Erschöpfung, d. h. Ausschöpfung Eures gesamten Potentials verbunden sind.
Vielleicht ist Euch und Euren Eltern übrigens aufgefallen, dass ich bislang keinesfalls von Begabtenförderung sprach, sondern davon, dass die Landesschule Pforta Eure Begabungen fördern möchte. In Schulpforte geht es in erster Linie tatsächlich nicht darum, Euch entlang Eurer bekannten Stärken numerus clausus-fixiert zu Höchstleistungen zu treiben, sondern darum, innerhalb und außerhalb des Unterrichts bekannte Talente weiterzuentwickeln sowie neue Begabungen zu entdecken und zu fördern.
Pforte lebt von der Energie und dem Geist, die von der Schülerschaft, dem Kollegium, den Ehemaligen, aber auch von der Elternschaft investiert werden. Folgerichtig wünsche ich mir, dass alle Pfortenserinnen und Pfortenser Ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten ausschöpfen und immer wieder auch an Ihre Grenzen gehen, um sie irgendwann selbstbewusst zu sprengen. Für diese besonderen Leistungen wird man auf unterschiedlichste Art und Weise belohnt. Ich spreche hier nicht allein von guten Zensuren, einem überdurchschnittlichen Abitur als Einstieg in eine erfolgreiche berufliche Zukunft, sondern gleichermaßen vom anerkennenden Schulterklopfen der Mitschüler nach einem mutigen Wortbeitrag in einer Schulversammlung, vom Applaus des Konzert- oder Theaterpublikums, vom stillen Stolz nach dem ersten seitenstichfreien 5 km-Crosslauf durch den Wald ...
Wenn wir in vier Jahren anlässlich Eurer Abiturfeier erneut in dieser über 800 Jahre alten Klosterkirche zusammenkommen, sollt Ihr wissen, was in Euch steckt, wer Ihr seid und was Ihr nicht seid, was Ihr zu leisten im Stande seid und wo Eure Grenzen liegen. In Schulpforte geht es also um die individuelle Entwicklung von Selbst-Bewusstsein und ganzheitliche Bildung, die Körper, Geist und Seele anspricht, nicht (!) um Standardisierung und nach Nutzwert bemessenen Hochleistungsdrill.
Die griechische Antike fasste das zentrale Bildungsziel der Landesschule Pforta bereits 1.800 Jahre vor Gründung der Landesschule durch Moritz v. Sachsen prägnant mit folgenden Worten zusammen: Gnothi seauton – "Erkenne Dich selbst!" oder freier übersetzt: "Werde, der Du bist!"
Meine Ausführungen mögen den ein oder anderen unter Euch, sicherlich auch eine Reihe von Eltern überraschen. Ich wiederum muss ehrlicher Weise einräumen, dass ein sehr guter Abiturdurchschnitt auch und gerade in Schulpforte durchaus nicht selten ist und der mit 1,9 erneut exzellente Abitur-Gesamtdurchschnitt der diesjährigen Abiturientia gerade auch von uns Lehrerinnen und Lehrern mit großer Freude zur Kenntnis genommen wurde. Im Zeitalter der Globalisierung sagen diese Durchschnitte über Erfolg oder Misserfolg im Studium sowie im Berufsleben jedoch kaum etwas aus. Zitiert sei zur Untermauerung dieser These der bisherige Rektor der renommierten European Business School, Herr Christopher Jahns, der in einem Interview betonte, seine besten Studenten seien weniger die ehemaligen Klassenbesten, als vielmehr frühere Klassensprecherinnen und Klassensprecher. Diese Aussage bitte ich nicht allzu wörtlich zu nehmen, denn natürlich wird nicht jeder Neu-Pfortenser Klassensprecher oder gar Schulsprecherin werden können. Ich wünsche mir jedoch, dass Ihr alle in Schule, Internat und Freizeit durch freiwilliges Engagement für andere Menschen prägende Erfahrungen machen werdet, die mit einem Glücksgefühl einhergehen und über die Schulzeit hinaus Lust darauf machen, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Die Existenz unserer demokratisch verfassten Gesellschaften wird in Zukunft davon abhängen, dass wieder mehr Menschen bescheiden Verantwortung übernehmen, statt laut nach "dem Staat" zu rufen – der Staat sind wir alle!
Ich bewege mich nun bereits in Sphären, die ernsten Abituransprachen vorbehalten sein sollten, und möglicher Weise stelle ich mir Eure Zukunft gleichzeitig zu positiv vor: Nach Aussage einer Publikation, die es 2008 bezeichnender Weise bis in die SPIEGEL-Bestsellerliste schaffte, wäret Ihr Angehörige der „Generation Doof“, einer Generation, in der immer mehr Menschen immer weniger wissen, in der exzessive Ich-Bezogenheit und grenzenlose globale Vermassung paradoxer Weise Hand in Hand gehen.
Wie ernst muss ich, müssen wir dieses vernichtende Urteil heute nehmen? Wäre der griechische Philosoph Sokrates unter uns, würde er die genannte provokante Unterstellung zweifellos zurückweisen. Auch ohne sein berühmtes dreischrittiges Prüfschema aus Fragen, Prüfen und Widerlegen anzuwenden, ist die mit dem Buchtitel übereinstimmende These sehr angreifbar: Die Autoren pauschalisieren, Vielwisserei wird mit Bildung gleichgesetzt und geringes Wissen mit Dummheit.
Der erste Kritikpunkt bedarf keiner besonderen Erläuterung. Generalisierungen in Bezug auf Menschen, die als Spezies vielfältiger nicht sein könnten, sind absurd, sogar gefährlich. Man denke nur an all die Brandreden der Geschichte, in denen von "den Juden", "den Deutschen", "den Reichen" oder auch "den Politikern" die Rede war und ist.
Die Gleichsetzung von großem Wissen und Bildung verbietet sich im Übrigen ebenso wie die überhebliche Gleichsetzung von Wissensdefiziten mit Dummheit. Wir alle kennen Menschen, die viel wissen, die wir aber dennoch nicht als gebildet bezeichnen würden. Und wie viele dem ersten Anschein nach „dumme“ Menschen hatten erkennbar tatsächlich keinerlei Chance, ihre guten Anlagen zu erkennen und zu entwickeln? Mit Blick auf diese Opfer ihrer sozialen Verhältnisse im Besonderen und unsere heutige Gesellschaft im Allgemeinen kann man gar nicht genug hervorheben, wie entscheidend die Zuwendung der Eltern gegenüber ihren Kindern für die Entwicklung guter Anlagen ist. Nicht umsonst gibt es in der deutschen Sprache das schöne Bild von den „aufgeweckten“ Kindern für ungewöhnlich aufmerksame Sprösslinge.
Somit bleiben zwei Dinge festzuhalten: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich einige von Euch Neu-Pfortensern tatsächlich als Vertreter einer wo auch immer existierenden „Generation Doof“ herausstellen sollten, ist angesichts Eurer bisherigen Lebensläufe zunächst sehr gering. Weiterhin seid Ihr, sind wir Euren Eltern zu großem Dank verpflichtet. Ohne Ihre aufmerksame Begleitung und Unterstützung stündet Ihr heute schwerlich im Mittelpunkt dieser Feierstunde, wäre diese Schule um etliche vielversprechende Köpfe ärmer.
Nachdem nun also die Frage geklärt ist, ob Ihr Euch in wenigen Augenblicken zurecht in das große Immatrikulationsbuch der Landesschule einschreiben werdet, möchte ich Euch abschließend das Gedicht eines in Vergessenheit geratenen amerikanischen Schriftstellers deutscher Herkunft mit auf Euren weiteren Weg geben. Das Gedicht wurde 1927 von Max Ehrmann verfasst, beeindruckte die Leser jedoch derart, dass die Legende entstand, der Text stamme aus einer Kirche in Baltimore und sei über dreihundert Jahre alt. Ich werde das Gedicht in einer deutschen Übersetzung von Günther W. Frank vortragen, empfehle jedoch, bei Gelegenheit einmal das englischsprachige Original zu lesen – der lateinische Titel lautet "Desiderata", also "Segenswünsche":
Desiderata
Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hektik. Denke daran: Frieden findest Du in der Stille. Pflege gute Beziehungen zu Deinen Mitmenschen, versuche mit ihnen auszukommen, soweit es Dir möglich ist, ohne Dich selbst aufzugeben.
Was Du als wahr erkannt hast – sprich es offen und ehrlich und in ruhigen klaren Worten aus. Höre anderen zu, selbst wenn sie Dir dumm, langweilig und unwissend erscheinen. Ihr Schicksal hat sie so geformt wie sie sind.
Gehe den Lauten und Streitsüchtigen aus dem Weg. Sie verdrießen nur Deinen Sinn.
Wenn Du Dich mit anderen Menschen vergleichst, könntest Du eingebildet oder verdrießlich werden. Du kannst sicher sein: Es wird immer Menschen geben, die bedeutender sind als Du und auch solche, die weniger können.
Genieße, was Du erreicht hast. Begeistere Dich für die Pläne, die Du noch verwirklichen willst. Arbeite an Deiner beruflichen Fortentwicklung und Entfaltung. Wie bescheiden Deine Arbeit auch sein mag, ein guter Beruf ist eine unschätzbare Mitgift für alle Wechselfälle des Lebens.
In geschäftlichen Angelegenheiten lasse Vorsicht walten, denn die Welt ist voll List. Aber das soll Dich nicht blind dafür machen, dass es auch rechtschaffene Leute gibt. Viele Menschen streben nach höheren Zielen, und überall im Leben gibt es Helden.
Sei Du selbst. Heuchle weder Zuneigung, noch mache höhnische Bemerkungen über die Liebe. Ungeachtet der alltäglichen Trostlosigkeit und
trotz vieler Enttäuschungen und mancher Verdrossenheit – die Liebe verdorrt nicht, sie wächst und wächst wie das Gras auf der Wiese.
Du wirst jeden Tag ein bisschen älter. Akzeptiere das dankbar. Und wenn es an der Zeit ist, lasse die Prioritäten der Jugend mit Würde hinter Dir. Die Jugend hat ihre Zeit, das Alter hat seine Zeit.
Erhalte Dir die Schärfe Deines Verstandes. Mit einem geschulten Geist bist Du gefeit, wenn Dich unerwartet ein Missgeschick trifft.
Belaste Dich nicht mit finsterem Grübeln. Viele Ängste keimen vor allem dann auf, wenn Du müde oder einsam bist. Praktiziere eine zuträgliche Selbstdisziplin, aber gehe behutsam mit Dir um.
Genau wie die Bäume auf dem Feld und die Sterne am Himmel, so bist Du ein Geschöpf des Universums. Dein Schöpfer hat es für gut befunden, dass Du hier bist. Du hast deshalb ein Recht darauf. Ob Du es verstehst oder nicht: Das Universum entwickelt sich ganz gewiss so, wie es sein Architekt geplant hat.
Lebe deshalb in Frieden mit Gott, was auch immer er Dir bedeutet. Und was immer Deine Bemühungen, Sehnsüchte und Ziele im lärmenden Wirrwarr des Lebens seien – strebe nach innerer Harmonie. Trotz aller Enttäuschungen, trotz aller Plackereien und trotz aller zerronnenen Träume – es ist eine schöne Welt.
Sei froh und heiter. Setze alles daran, glücklich zu sein.
© 2009 Landesschule Pforta