Festrede zum Abitur 2011
von
Bernd Westermeyer (rec. port.)
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter des Pförtner-Bundes sowie des Kuratoriums der Stiftung Schulpforta,
sehr verehrte Festgäste aus nah und fern,
verehrte Kolleginnen und Kollegen,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Pfortenserinnen und Pfortenser,
verehrte Großeltern, Eltern und Geschwister,
liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
"Porta patet, cor magis" – die Pforte ist weit geöffnet, mehr noch das Herz. Mit diesem alten Willkommensspruch der Zisterzienser begrüßte ich Sie als neuer Rektor der Landesschule Pforta am 22. August 2007 in dieser Kirche zu Ihrer feierlichen Immatrikulation. Heute ist unsere Pforte erneut weit geöffnet; diesmal, um Sie nach erfolgreich abgelegtem Abitur in die Weite der Welt zu entlassen.
Was aber wird Ihnen die Zukunft bringen? Machen Sie sich wohlgewappnet auf den Lebensweg außerhalb der schützenden Mauern unserer Schul-Polis? Werden Sie Ihren Weg zielstrebig auf ein bestimmtes Ziel hin gehen? Werden Sie sich dabei von Tag zu Tag eine gut zu bewältigende Wegstrecke vornehmen? Werden Sie jeder dieser Etappen, jedem Tag Ihres Lebens, einen Sinn geben können? Werden Sie glücklich sein?
Spätestens anlässlich der Feier Ihres Goldenen Abiturs im Jahre 2061 sollten Sie diese Fragen rückblickend ein Stück weit beantworten können. Ich selbst werde in 50 Jahren wohl nicht mehr mit Ihnen in unserer schönen Aula Platz nehmen, wünsche mir jedoch sehr, dass Ihre individuellen Antworten auf die eben formulierten Fragen positiv ausfallen werden.
Was lässt sich hier und heute verlässlich sagen? Nun, es sind vier Jahre vergangen, nein, verflogen, seit wir uns in dieser schlichten Klosterkirche als Neu-Pfortenserinnen und -Pfortenser zum ersten Mal begegneten. Sie hatten sich – um in der Metaphorik des seinerzeit von mir zitierten Dichters Robert Frost zu bleiben – für einen Ihnen unbekannten Pfad entschieden. Alles war irritierend neu, die Zukunft fast ebenso offen wie am heutigen Tag.
An welche Bilder, Szenen, Temperaturen, Geschmackseindrücke, Fragen, Stimmen und Stimmungen, Gespräche, Naturerlebnisse, Emotionen, Gerüche und Berührungen der vergangenen vier Jahre erinnern Sie sich spontan, wenn Sie Ihre Augen für einige Momente schließen?
Ich selbst erinnere mich unter anderem an Ihre aufgeregten Gesichter bei der Unterschrift im großen Immatrikulationsbuch der Landesschule, an das frische Grün des Schulparks im April und die bräunlich-rot-goldenen Hänge des Knabenberges im Licht der Herbstsonne, an sommerliche Wasserschlachten minimalistisch bekleideter Pfortenserinnen und Pfortenser am Forum, an das Aroma knusprig-heißer Gänsekeulen zu Martini, an vereiste Füße und heißen Glühwein nach stimmungsvollen Weihnachtskonzerten unserer Chöre in dieser Kirche, an die empörten Fragen regelmäßiger Pizza- und Chipsesser zur Verwendung von Geschmacksverstärkern durch unsere "Dussmänner", an Gespräche über Sinn und Unsinn von Schrankkontrollen bei abendlichen Laufrunden, an fröhliches Public Viewing zur Fußball-WM vor dem Internat VIII, an trommelfellzerfetzende Feueralarme nach Kochversuchen im Internat V, an Tränen beim gemeinschaftlichen Singen des Locus iste im Kreuzgang, an freudestrahlende Augen und neidfreien Applaus nach Wettbewerbserfolgen in der Schulversammlung, an Bratwurstduft vom Grillplatz, der nicht allein Golo unwiderstehlich anzog, an erleichtere Umarmungen nach erfolgreichen Theaterpremieren oder auch an Tränen bei der Verabschiedung von Mitschülern.
Ihre individuellen Erinnerungen, die sich in der Summe ergänzen, überlagern oder auch widersprechen werden, bleiben Ihr persönlicher Erfahrungsschatz, und auch die unzähligen kleinen und großen Geschichten, welche sich mit Ihrer, mit unserer gemeinsamen Zeit im Schatten des Knabenberges verbinden, vermag heute niemand zu erzählen.
Viele Ihrer Erlebnisse werden Sie als heitere Anekdoten ein Leben lang begleiten. Andere Episoden wiederum dürften noch lange kritische Fragen aufwerfen oder Nachdenken anstoßen und so Ihr zukünftiges Handeln im Nachhinein mitbestimmen. Als Rektor hoffe ich natürlich, dass die positiven Erinnerungen überwiegen und eine lebenslange Bindung an Ihre alma mater stiften werden, die von mehr als nur Sentimentalität geprägt ist.
Einige der anwesenden Eltern könnten an dieser Stelle kritisch anmerken, dass es im Hinblick auf die Schulzeit ihrer Kinder an einer so renommierten Bildungseinrichtung wie der Landesschule Pforta doch angemessener wäre, in dieser Abiturrede an erster Stelle und damit vorrangig nicht auf emotional besetzte Erinnerungen einzugehen, sondern die Kenntnisse und Fähigkeiten hervorzuheben, die Sie sich in Schulpforte für das Leben erworben haben. Diese Eltern haben möglicher Weise mit wachsender Verunsicherung das Erziehungstagebuch der US-Professorin Amy Chua gelesen – sein vielsagender Titel lautet: "Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte".
In ihrem Bestseller beschreibt die chinesischstämmige Yale-Dozentin, wie sie ihre zwei Töchter mit brutaler Strenge und Disziplin zu schulischen und musikalischen Höchstleistungen trieb. Ich zitiere: "Im Unterschied zur typisch westlichen [...] Mutter im Dauereinsatz für die Kinder ist die chinesische Mutter überzeugt, dass 1. die Hausaufgaben grundsätzlich an erster Stelle stehen, 2. eine "1" eine schlechte Note ist, 3. ihre Kinder den Mitschülern immer um zwei Jahre voraus sein müssen, 4. man die Kinder nie öffentlich loben darf, 5. man im Falle einer Meinungsverschiedenheit zwischen dem eigenen Kind und einem Lehrer oder Trainer immer die Partei des Lehrers oder Trainers ergreifen muss, 6. die einzigen Freizeitbeschäftigungen, die man den Kindern erlauben sollte, solche sind, die ihnen am Ende eine Medaille eintragen, und 7. dass diese Medaille aus Gold sein muss."
Bedarf es tatsächlich dieses extremen pädagogischen Ansatzes, um Jugendliche auf das viel zitierte "wahre Leben", auf Leistungsorientierung und Wettbewerb in unserer globalisierten Welt vorzubereiten? Ich persönlich habe das Buch der selbsternannten "Tiger-Mutter" Amy Chua mit Unbehagen gelesen, denn von dem Anspruch, stets nur mit dem ersten Platz zufrieden zu sein, scheint es mir nur ein kleiner Schritt zur Einforderung des Rechts des Stärkeren.
Liebe Pfortenserinnen und Pfortenser, wir Lehrerinnen und Lehrer der Landesschule Pforta gehen selbstbewusst davon aus, dass Sie sich in Schulpforte auch ohne elterlichen Zwang und schulischen Drill aktiv ein breit angelegtes Grundwissen erworben haben, das den nationalen und internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Als ein Beleg für diese Annahme ließen sich die von Ihnen erbrachten schulischen Leistungen, genauer gesagt der auch in diesem Jahr überdurchschnittlich gute Abiturdurchschnitt von 1,9 ins Feld führen. Auf dieses exzellente Ergebnis dürfen Sie und Ihre Familien sowie auch das Kollegium der Landesschule gleichermaßen stolz sein.
Bei aller Freude über Ihre herausragenden schulischen Leistungen sollten wir alle jedoch nicht den Blick dafür verlieren, dass das Leben mehr verlangt als standardisiertes Orientierungswissen und gestempelte Hochschulzugangsberechtigungen. Entsprechend suchte Ihnen die Landesschule Pforta nicht allein abrechenbare Wissensbestände und universell anwendbare Fertigkeiten zu vermitteln. Getreu unserem Wahlspruch "Gnothi seauton!", "Erkenne Dich selbst!" oder – frei nach Nietzsche – "Werde, der Du bist!", bemühte sich das Kollegium vielmehr über den Unterricht hinaus, ein gedeihliches Umfeld zur Entfaltung Ihrer Persönlichkeiten zu schaffen – sei es durch die vertrauensvolle Übertragung von Aufgaben, Ämtern und Funktionen oder auch durch die Sicherstellung von Spielräumen für freiwilliges Engagement.
Ihre innerhalb dieses Rahmens entfalteten sozialen Aktivitäten, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, kamen einmal mehr und einmal weniger spektakulär, aber doch meist wirkmächtig daher: Hier leitete einer Ihrer Mitschüler in seiner freien Zeit kompetent das Gartenhaus-Team, welches Schülerschaft und Gäste der Landesschule bei unterschiedlichsten Gelegenheiten emsig mit Getränken und Grillwaren aller Art verwöhnte, dort motivierte eine Ihrer Mitschülerinnen regelmäßig ihr Umfeld, sich nach einem langen Schultag aufzuraffen und eine Weile an der frischen Luft zu joggen. Hier opferten Schülerinnen und Schüler aus Ihren Reihen über Wochen ihre gesamte freie Zeit, um der Schulgemeinschaft im Rahmen eines Theaterabends kulturelle Zerstreuung bieten zu können, dort erfreute ein von zahlreichen Primanerinnen und Primanern geprägtes Schulorchester nach intensiver Probenarbeit Mitschüler, Lehrer und Gäste in unserer Aula mit wunderbarer Musik.
Solches Tun, das Wirken in der Gemeinschaft für die Gemeinschaft steigert nicht nur das eigene Selbstwertgefühl. Nein, es strahlt als Glückserfahrung positiv aus, es begründet Vorbilder, es setzt Maßstäbe, es motiviert andere, selbst aktiv zu werden, es prägt ein Stück Lebenswirklichkeit und damit ein vor Ort in unterschiedlichster Form erlebbares Ethos.
Diese täglich neu erlebbare, positiv prägende Lebenswirklichkeit zeichnet Schulpforte aus und wird auf unterschiedlichsten Ebenen nachhaltig gepflegt – man denke nur an die jährlich wiederkehrenden strengen Ermahnungen der bereits "gereiften"“ Schülerschaft an die Adresse der neuen Pfortenserinnen und Pfortenser, das respektvolle Grüßen ihrer Mitmenschen nicht zu vergessen ...
In erster Linie liegt das Ethos, der "Geist Pfortes", jedoch nicht in Regeln und entsprechenden Ermahnungen, sondern darin begründet, den eigenen Anspruch im Großen wie im Kleinen als glaubwürdige Persönlichkeit aus freien Stücken selbst zu leben. Wo dieses Vorleben innerhalb Ihres Jahrganges zuweilen nicht gelang, wo der eigene Wille mit den Erwartungshaltungen der Gemeinschaft kollidierte, entstand Reibung. Untereinander, gerade aber auch in der täglichen Auseinandersetzung mit der Lehrerschaft und mir als Rektor galt es selbstverständlich täglich neu, Wunschvorstellungen zu formulieren, sich mit Gegenentwürfen auseinanderzusetzen, Kompromisse zu finden oder auch enttäuschte Hoffnungen zu verarbeiten.
Möglicherweise war das beständige Hinterfragen, das Fordern, das Zweifeln, das Begründen eigener Positionen, das kritisch-konstruktive Mittun ebenso wie auch das Erleben mitunter destruktiver sozialer Mechanismen nicht nur ein wichtiger Teil Ihrer Schul- und Internatszeit, sondern die wichtigste an der Landesschule Pforta gemachte Bildungserfahrung überhaupt.
Ich formuliere diese These nicht allein im Hinblick auf Sie als Einzelmenschen mit Ihren offenkundigen Talenten und zuweilen wohl noch immer verborgenen Begabungen, Ihren erworbenen Fähigkeiten, Ihren bereits definierten Zielen und Zukunftsvisionen. Ich betone die positive Dimension unserer intensiv ausgetragenen Auseinandersetzungen um zu gestaltende Schul-, Internats- und Lebenswirklichkeit, um verantwortliches Handeln und das rechte Maß individueller Freiheit auch mit Blick auf soziale Erosionsprozesse der Gegenwart, zu denen sich der ehemalige Zisterzienserabt Gregor Henckel von Donnersmarck in einem Interview jüngst folgendermaßen äußerte:
"Der heutige Europäer ist in der Gefahr, Freiheit und Wohlstand als Endpunkte seiner Entwicklung anzusehen. Daraus resultiert die Unlust an der Zukunft. […] Freiheit muss klug, maßvoll, tapfer und gerecht eingesetzt werden. Wer sie missversteht als Lizenz, den eigenen Willen durchzusetzen und ansonsten möglichst unverbindlich durch das Leben zu gelangen, wird ihr nicht gerecht. Sie braucht ein wertvolles Ziel, einen Zweck und eine Grenze, damit sie nicht destruktiv wird."
Im Kontext dieser fundamentalen, aber durchaus begründet erscheinenden Zeitkritik und Mahnung empfinde ich es mit Blick auf Ihre Zukunft als sehr beruhigend, dass Sie als Pfortenserinnen und Pfortenser in einer großen, vielfarbigen Gemeinschaft über vier Jahre bereits zunehmend erfolgreich um verantwortbare Ziele und Grenzen gerungen, auf diese Weise Ihr Urteilsvermögen gestärkt, ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt und sich eben nicht auf die Akkumulation von Wissen beschränkt haben.
Nach meinem Eindruck können Sie unsere Pforte heute tatsächlich zuversichtlich durchschreiten und sich als erkennbar gereifte Persönlichkeiten neuen Menschen und Aufgaben zuwenden. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Ihr individuelles Glück dabei immer wieder am Wegesrand entdecken und nicht erst am Ende der Straße suchen würden. Antoine de Saint-Exupéry sprach in diesem Zusammenhang von der "Kunst der kleinen Schritte", und ich möchte seine in das Gewand eines Gebetes gekleidete Betrachtung dieser großen Kunst abschließend vortragen:
Die Kunst der kleinen Schritte
Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.
Mach mich findig und erfinderisch, um im täglichen Vielerlei und Allerlei rechtzeitig die Erkenntnisse und Erfahrungen festzuhalten, von denen ich betroffen bin.
Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist.
Lass mich erkennen, dass Träumereien nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft. Hilf mir, das Nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.
Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben immer alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge und Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemanden, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.
Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte an der richtigen Stelle abzugeben – mit oder auch ohne Worte.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte!
Vielen Dank!