Festrede zur Immatrikulation 2011
von
Bernd Westermeyer (rec. port.)
My Mama always said: "Life is like a box of chocolates – you never know what you gonna get." Meine Mutter pflegte zu sagen: "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt."
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warum in aller Welt beginnt der Rektor der alt-ehrwürdigen Landesschule Pforta seine Ansprache anlässlich der heutigen Immatrikulationsfeier mit einer Lebensweisheit, die aus der Feder eines Werbetexters der Süßwarenindustrie stammen könnte? Ich möchte diese verständliche Frage für eine Weile zurückstellen und zunächst einmal die tatsächliche Herkunft der einleitenden Zeilen klären. Das Zitat stammt aus dem US-amerikanischen Spielfilm Forrest Gump, der 1994 zwar überaus positive Kritiken erhielt, international gleichwohl aber dennoch gut ankam.
Tom Hanks spielt in diesem Filmmärchen einfühlsam und in der Tat Oscar-würdig einen kindlich-naiven Toren namens Forrest Gump. An einer Südstaaten-Bushaltestelle sitzend erzählt Mr. Gump einigen dort zufällig wartenden Personen rückblickend sein ganzes Leben, nachdem er auf seiner Suche nach Glück unabsichtlich die gesamte amerikanische Geschichte seit Elvis Presley durcheinandergebracht und als guter Mensch ohne Hintergrundgedanken positiv beeinflusst hat.
Soviel in aller Kürze zum Inhalt des Films. All jene, die hoffen, nun endlich über die Relevanz des Forrest Gump-Zitats für die Landesschule Pforta aufgeklärt zu werden, muss ich weiter vertrösten. Für den Augenblick nur soviel: Der heutige Tag hat tatsächlich keinen unmittelbar greifbaren Bezug zu den USA oder zur amerikanischen Geschichte. Pflegen wir heute doch eine Tradition, die deutlich älter ist als die Vereinigten Staaten von Amerika: die feierliche Immatrikulation von 76 Schülerinnen und Schülern aus ganz Deutschland, welche sich für die Landesschule Pforta entschieden haben.
Versammelt haben wir uns zu diesem Anlass am letzten Tag der sachsen-anhaltinischen Sommerferien in einem wunderbar kühlen Sakralbau, der, von Zisterziensern erbaut, bereits rund 350 Jahre als Abteikirche genutzt worden war, als Columbus den amerikanischen Kontinent entdeckte bzw. mit "Hinterindien", also Ostasien, verwechselte. Uns allen begegnet an diesem zentralen Ort und in der angrenzenden Landesschule zweifellos viel Altes, viel Historie, viel Wissenswertes, denn über fast 900 Jahre haben Menschen hier zunächst als Mönche und später als Lehrende und Lernende nachhaltig Spuren hinterlassen.
Jung, aufgeregt und heute primär der Zukunft zugewandt seid andererseits Ihr, unsere neu aufzunehmenden Pfortenserinnen und Pfortenser. Unterschiedlichste Motive lagen dem Bemühen zugrunde, Euch um einen der begehrten Plätze an der Landesschule Pforta zu bewerben: Bei einigen wirkte zum Tag der offenen Tür oder nach anderen Besuchen vor Ort wohl der so genannte "Harry-Potter-Faktor", d. h. der besondere Zauber unserer alten Gebäude und der sie umgebenden Natur. Andere waren nach eigener Aussage auf der Suche nach einer Schule, an der man sein Leistungsvermögen ausreizen und seine Lernfreude ausleben kann, ohne als "Streber" gebrandmarkt und von Mitschülern unter Druck gesetzt zu werden. Auszuschließen ist außerdem nicht, dass die Erziehung einiger Eltern zur Selbstständigkeit derart wirksam war, dass sie unbeabsichtigt die Lust weckte, nicht erst nach dem Abitur auszuziehen, sondern die eigenen Fähigkeiten bereits vier Jahre früher zu erproben.
Liebe Eltern, wenn Sie sich an dieser Stelle angesprochen fühlen und aufgrund des vorgezogenen Auszuges Ihres Kindes das ungute Gefühl in sich tragen sollten, alles falsch gemacht zu haben, darf ich Sie beruhigen und trösten: Sie sind einer zurecht berühmten Goethe-Maxime gefolgt und haben Ihrem Kind nicht nur Wurzeln, sondern eben auch Flügel gegeben. Flügel, um abzuheben. Flügel, um einen eigenen Weg zu finden. Flügel, um in einer überschaubaren Gemeinschaft die ureigene Persönlichkeit zu entwickeln: "Gnothi seauton!" – "Erkenne Dich selbst!" – "Werde, der Du bist!"
Zweifellos ist der heutige Tag der feierlichen Immatrikulation auf der einen Seite also ein Tag der Freude und des Neuanfangs. Auf der anderen Seite gilt es heute nach langen Jahren des behüteten Zusammenlebens im Kreise der Familie aber auch Abschied zu nehmen: Selbstverständlich werden Sie und Ihre Kinder sich weiter regelmäßig sehen. Zugleich geht mit der Entscheidung Ihrer Kinder für die Landesschule Pforta jedoch der erste ernst zu nehmende Schritt in die Welt außerhalb des Elternhauses einher.
Liebe Neu-Pfortenserinnen und Neu-Pfortenser, auf Eurer Seite wird dieser Abnabelungsprozess von vielen kleinen und großen Erfolgserlebnissen begleitet sein, die Euer Selbstbewusstsein stärken und auch Eure Eltern mit Stolz erfüllen dürften. Zugleich wird der neue Weg in den kommenden Wochen und Monaten zuweilen aber durchaus von der ein oder anderen Träne begleitet sein. Dieser Tränen müsst Ihr Euch nicht schämen, denn sie stehen vor allem für die Liebe zur Familie, für tief empfundene Freundschaften und für Heimatverbundenheit.
"Ströme von Tränen" flossen in der Landesschule zuletzt vor sechs Wochen – anlässlich der feierlichen Exmatrikulation der diesjährigen Abiturientia waren es jedoch Freuden- und Wehmutstränen. Unsere Anfang Juli verabschiedeten Absolventinnen und Absolventen saßen im Sommer 2007 genau wie Ihr voller Lampenfieber und Neugierde, aber auch etwas beklommen auf Ihren Stühlen. Wie sie werdet Ihr aufregende Spätsommerwochen erleben. Diese Zeit wird im Überschwang des gemeinsamen Aufbruchs zu neuen Ufern manchmal vielleicht eher an eine Klassenfahrt als an effizient organisierte Begabtenförderung erinnern. Alle Eltern seien jedoch bereits jetzt beruhigt: Ende September werden die ersten Klausuren folgen und für die Zukunft als eine Art heilsame Urerfahrung deutlich machen, dass man für eine gute oder gar sehr gute Zensur an der Landesschule Pforta tatsächlich kontinuierlich Arbeit investieren und ausreichend schlafen muss…
Neben dem notwendigen schulischen Engagement werdet Ihr wie Eure Vorgänger in das Leben der Landesschule Pforta eintauchen und nach und nach den genius loci, also den besonderen Geist des Ortes, erspüren. Ihr werdet die mannigfachen Traditionen unserer alma mater ebenso kennenlernen wie unsere verbindlichen Regeln sowie die unzähligen ungeschriebenen "Gesetze" innerhalb der Schülerschaft. Sehr schnell werdet Ihr begreifen, dass unsere Schule im Grunde wie eine griechische Polis, wie ein kleiner Staat, funktioniert. Innerhalb dieser Schulpolis werden wir Lehrerinnen und Lehrer Euch stets ein Maximum an Freiräumen zur Entfaltung Eurer guten Anlagen, Ideen und Fähigkeiten einräumen. Unerlässlich ist dazu jedoch die Gewissheit, dass der schulische Ordnungsrahmen auch von Euch verantwortungsvoll mitgetragen und konstruktiv mitgestaltet wird.
Ich möchte in diesem Zusammenhang unterstreichen, dass jeder unserer rund 300 schulgeldfreien Internatsplätze durch das Land Sachsen-Anhalt trotz sehr enger finanzieller Spielräume überaus großzügig bezuschusst wird. Somit darf sich jeder von Euch als eine Art Leistungsstipendiat betrachten. An diesen privilegierten Status knüpft sich von Seiten der Steuerzahler, von Seiten der Landtagsabgeordneten und der Landesregierung, von Seiten unserer Freunde und mannigfachen Förderer sowie auch von Seiten der Lehrerschaft nachvollziehbarer Weise eine klare Erwartungshaltung: Wer in Schulpforte schulgeldfrei leben und lernen darf, geht die Verpflichtung ein, seine Potentiale auszuschöpfen und weiter zu entwickeln, um die so erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten als soziales Gut zeitnah wieder zum Wohl anderer Menschen einsetzen zu können.
Als moralisierendes Druckmoment solltet Ihr diesen Denkansatz nicht verstehen. Vielmehr liegt in dem gerade skizzierten Ideal nach meiner festen Überzeugung der Schlüssel zu echter Erfüllung, tiefer Zufriedenheit, persönlichem Glück und Erfolg.
Apropos "Glück": Ich möchte an dieser Stelle auf das einleitend verwendete Zitat aus Forrest Gump zurückkommen und seine potentielle Bedeutung
für das Hier und Jetzt, aber auch für Euer weiteres Leben umreißen.Das Bild, das dem kleinen Forrest von seiner Mutter mit auf den weiteren Lebensweg gegeben wird, scheint mir von einem wunderbaren Optimismus sowie von lebensbejahender Menschlichkeit geprägt. Dem Jungen wird nicht suggeriert, es gehe im Leben darum, stets der Erste zu sein, sich offensiv gegen andere durchzusetzen und so viel als möglich einzuheimsen oder alles zu tun, um nicht leer auszugehen. Das Bild erzeugt keine Angst, keinen Druck. Dem kleinen Forrest wird stattdessen beruhigend vermittelt, dass das Leben stets eine Schachtel Pralinen für ihn bereithalten werde.
Die Herausforderung liegt zugegebener Maßen natürlich darin, dass Forrest nie wird wissen können, welche Pralinen das Leben für ihn bereithält. Sei es, weil er die verschiedenen Sorten nicht kennt und somit nicht bewusst auszuwählen vermag oder sei es, weil bestimmte Pralinen von ihm oder anderen bereits weggenascht worden sind.
Zwangsläufig wird es für Forrest auch Pralinen geben, die nicht schmecken oder nicht das halten, was die äußere Hülle vermuten lässt. Es wird Pralinen geben, die ihm zu süß, zu herb, zu hart, zu weich, geschmacklich zu einfallslos oder zu verwegen komponiert daherkommen. Trotz möglicher Enttäuschungen wird ihm durch seine Mutter aber in jedem Fall die beruhigende Gewissheit vermittelt, es im Leben grundsätzlich mit Pralinen zu tun zu haben und nicht mit Brotkrumen oder gar einem leeren Bauch.
So banal die Pralinen-Metapher auf den ersten Blick wirken mag, so wegweisend und gewichtig erscheint sie mir bei längerer Betrachtung: Pralinen erzeugen keine Zukunftsangst. Sie sind für die meisten von uns wohl eher ein Synonym für süßes Glück, sie krönen schöne Momente und machen uns Menschen Lust auf das Leben in all seiner Schönheit.
Das Leben, unser aller Leben, ist ein köstliches Praliné, ein Geschenk, das jeden Tag neu entdeckt, ausgepackt und genossen werden will. Gewiss bringt unser Alltag neben Genuss, Liebe, Erfolg und Freude immer wieder auch Entbehrungen, Enttäuschungen, Rückschläge und Leid – sei es in der Schule oder anderswo. Oft jedoch erwächst aus diesen im Moment des Erlebens schwierigen Erfahrungen dann aber unerwartet Kraft für Neues, und Frustrationserlebnisse entpuppen sich urplötzlich als Chance, einen bis dahin nicht wahrgenommenen Weg einzuschlagen.
Wer wie Forrest bereits als Kind erlebt und begreift, dass Licht und Schatten, Süß und Sauer zwei Seiten einer Medaille sind, die sich wechselseitig bedingen und notwendiger Weise zum Leben gehören, wird auch Schwierigkeiten etwas Positives abgewinnen und in der Folge gelassener und zufriedener durch das Leben gehen können.
Liebe Neu-Pfortenserinnen und Neu-Pfortenser, ich wünsche mir, dass Ihr Euer Leben in Schulpforta als reich gefülltes Pralinenglas erleben werdet. Ich wünsche Euch beim Naschen viele positive Überraschungen und neue Geschmackserfahrungen, aber auch einen robusten Magen, der die ein oder andere Bitterschokolade zu verdauen vermag. Wunderbar wäre es natürlich, wenn Ihr unsere ganz spezielle Pfortenser Pralinenschachtel nicht nur genießen, sondern hin und wieder auch eigene Kreationen und Köstlichkeiten für andere hinzufügen würdet. Vorbilder werdet Ihr diesbezüglich reichlich finden.
Sofern sich meine Wünsche erfüllen sollten, werdet Ihr die Landesschule Pforta wie die meisten Eurer 20.752 Vorgänger in vier Jahren gestärkt an Seele, Geist und Körper als unverwechselbare Persönlichkeiten mit Wehmut verlassen.
Bevor Ihr Euch nun eigenhändig in das seit 1594 geführte Immatrikulationsbuch der Landesschule eintragen werdet, wünsche ich uns allen – Schülern, Eltern, Mitarbeitern und Kollegium –, dass wir in den kommenden vier Jahren immer wieder die Gelassenheit und Kraft aufbringen werden, Schwierigkeiten positiv als Herausforderungen zu erkennen und gemeinsam optimistisch anzugehen, denn ... "Life is like a box of chocolates." – "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen."
Vielen Dank!