Landesschule Pforta. Begabtenförderung im Internatsgymnasium seit 1543, <www.landesschule-pforta.de>.

Leben im Internat

An der Landesschule Pforta leben alle Schüler im Internat. Es gibt keine externen Schüler. Das Internat ist also keine bloße Aufbewahranstalt für solche Schüler, die zu weit entfernt wohnen, um jeden Tag nach Hause zu fahren. Es ist stattdessen der selbstverständliche Lebensraum aller Portenser und verliert aus dieser Innenperspektive schnell den Rang des Außergewöhnlichen, der zu außergewöhnlichen (Un)taten reizt. Die Selbstverständlichkeit dieses neuen Lebensraumes wird noch dadurch unterstrichen, dass auch alle Lehrer darin integriert sind. Denn auch wenn das Team inzwischen durch zwei Erzieherinnen ergänzt worden ist, erfolgt die Betreuung im Wesentlichen durch die Lehrer, die neben ihrem Unterricht auch im Internat tätig sind.
Ziel dieser Konzeption ist es, die Trennung von Schule und Internat weitestgehend aufzuheben und schulisches und soziales Lernen als ganzheitlichen Prozess zu begreifen und zu fördern. Hier wird niemand zum Streber und Außenseiter gestempelt, wenn er gute schulische Leistungen erbringt. Doch auch der bisherige "Einzelkämpfer" muss lernen, sich aktiv zu integrieren, offen auf Mitschüler zuzugehen und mit ihnen im Internat zusammenzuleben. Das Ergebnis ist eine verdichtete Lernatmosphäre, die den Einzelnen auch in Phasen geringerer Eigenmotivation mitzieht und bei Lernschwierigkeiten vielfältige Fördermöglichkeiten durch Mitschüler und diensthabende Lehrer eröffnet. Zugleich setzt das intensive Zusammenleben aber auch erstaunliche Kreativitätspotentiale frei, die sich in den zahlreichen Freizeitaktivitäten der Schüler zeigen. In einer großen Gruppe mit vielfältigen sozialen Kontakten lässt sich eben mehr auf die Beine stellen als alleine.
Neugierig geworden? In den folgenden Kapiteln können Sie weitere Einzelheiten über das Internatsleben in Pforte erfahren:
  1. Geld
  2. Unterbringung
  3. Verpflegung
  4. Tagesablauf
  5. Wochenenden
  6. Betreuung durch Hauseltern und diensthabende Lehrer
  7. Freizeitmöglichkeiten
  8. Feste und Feiern
  9. Schülerdienste
  10. Konfliktbewältigung
  11. Die sieben Todsünden

1. Geld

Seit der Schulgründung im Jahr 1543 ist es das Ziel von Schulpforte, die Ausbildung begabter Schüler unabhängig vom Geldbeutel der Eltern zu fördern. Zu diesem Ziel bekennt sich auch das Land Sachsen-Anhalt als heutiger Schulträger, wobei Landeskinder ganz besonders gefördert werden. Für sie reduziert sich der Eigentanteil an den Kosten für Unterbringung und Verpflegung auf 250 Euro pro Monat, wobei der Anteil für die bloße Unterbringung bei Empfängern von Sozialhilfe oder ähnlichen Leistungen (Hartz IV) sogar ganz erlassen wird. Für Schüler aus anderen Bundesländern wird ein Eigenanteil von 350 Euro pro Monat erhoben, was immer noch eine erhebliche Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt darstellt. Durch die Zusammenarbeit mit einigen Stiftungen lässt sich der Eigentanteil weiter reduzieren. Ferner ist ab der 10. Klasse bei ensprechenden Einkommensverhältnissen auch eine Beantragung von Schüler-Bafög möglich.

2. Unterbringung

Der Ort Schulpforte ist aus einer mittelalterlichen Klosteranlage hervorgegangen. Das verleiht dem Gebäudeensemble zwar den besonderen Charme des Altehrwürdigen, bedeutet aber auch, dass die Ansprüche an Wohnkomfort sich im Rahmen eines sanierten Altbaus bewegen müssen. Es gibt fünf Internatsbereiche. Einer liegt rund um den alten Kreuzgangbereich, die übrigen in Außengebäuden, die meist um 1900 errichtet und inzwischen alle umfassend renoviert worden sind. Jungen und Mädchen wohnen nicht immer in getrennten Internaten, zumindest aber in getrennten Fluren. Dagegen gehört es zum pädagogischen Konzept, dass die Schüler der verschiedenen Jahrgangsstufen in Gemengelage wohnen, allerdings in getrennten Zimmern. Es gibt überwiegend Zweierzimmer, daneben auch 18 Einzelzimmer (nur für verdiente Oberstufenschüler), etliche Dreierzimmer und auch 9 Viererzimmer. Letztere bleiben meistens für die neuen Neuntklässler übrig, wenn am Schuljahresende die Abiturienten aus- und die verbleibenden Schüler umziehen.

3. Verpflegung

Es gibt vier Mahlzeiten am Tag, die alle zentral im Speisesaal eingenommen werden. Die Küche nimmt auf Vegetarier Rücksicht und bietet mittags ein Ausweichmenü an. Für Hobbyköche und solche Schüler, die zwischendurch vom Heißhunger gepackt werden, gibt es in den einzelnen Internaten zusätzliche Kleinküchen.

4. Tagesablauf

Der Tagesablauf erscheint auf den ersten Blick streng reglementiert, weil der ungefähre Zeitrahmen, den die meisten Schüler von zu Hause kennen, durch präzise und für alle Schüler verbindliche Uhrzeiten ersetzt wird. Dies betrifft vor allem das Silentium von 16.45 bis 18.15 Uhr als verbindliche Ruhezeit für Hausaufgaben sowie die Internatspflicht (= abendliche Rückkehr ins Internat) und den Lichtschluss, die nach Alter gestaffelt sind. Diese Verbindlichkeiten sind aber notwendig, um das dichte Zusammenleben von so vielen Schülern in einer Weise zu gestalten, dass alle ihre Ruhe für Hausaufgaben und nachts ihren Schlaf finden. Mit zunehmendem Alter und Gewöhnung an das Internatsleben erhalten unsere Schüler natürlich auch Freiräume wie Silentiumsbefreiungen und verlängerten Ausgang, die verantwortungsbewusst genutzt werden können.

5. Wochenenden

Freitags endet der Unterricht spätestens nach der 6. Stunde, damit alle Schüler nach Hause fahren können. Die Wiederanreise erfolgt am Sonntagabend. Ungefähr jedes zweite Wochenende bleibt das Internat geöffnet, damit Schüler mit langen Anfahrtswegen nicht jedes Wochenende nach Hause fahren müssen. Ein schulisches Programm gibt es an diesen Internatswochenenden nicht. Die Schüler, die sich entscheiden in Pforte zu bleiben, gestalten ihre Freizeit selbst. Internatspflicht und Lichtschluss sind nach hinten verlegt. Nächtliche Streifzüge durch Kneipen und Discos sind jedoch nicht möglich.

6. Betreuung durch Hauseltern und diensthabende Lehrer

Die fünf Internatseinheiten, deren Größe zwischen 53 und 83 Schülern schwankt, werden jeweils von einer Hausmutter oder einem Hausvater geleitet, die unmittelbar am bzw. im Internat wohnen und vor allem auch in den Nachtstunden als Ansprechpartner für Notfälle zur Verfügung stehen. Ferner gehört zu jedem Internat eine Mannschaft von fünf bis sechs diensthabenden Lehrern, die im täglichen Wechsel ihr Internat von 16.30 bis 23.00 Uhr betreuen. Von den Schülern werden sie häufig als "Aufsicht" bezeichnet, weil sie die Einhaltung von Silentium, Internatspflicht und Lichtschluss kontrollieren, ferner die allwöchentliche Zimmerreinigung am Donnerstag. Die sonstige pädagogische Arbeit wird von Schülerseite weniger deutlich wahrgenommen, da sie mehr im informellen Bereich liegt und meistens aus Gesprächen besteht. Dabei muss es nicht immer um die großen oder kleinen Probleme des Schülers gehen. Schule und Unterricht als gemeinsame Erlebniswelt von Schüler und Lehrer bilden häufig den Ausgangspunkt für Gespräche, die in alle möglichen Richtungen abdriften können. Manchmal geht es sogar nur darum, den sozialen Kontakt zu pflegen und insgesamt ein Klima von "Nestwärme" aufrecht zu erhalten, in dem sich alle Beteiligten wohl fühlen. Für ihre eigentlichen Freizeitaktivitäten brauchen Jugendliche ab der 9. Klasse sowieso keine Erwachsenen mehr.

7. Freizeitmöglichkeiten

Die Freizeitgestaltung bleibt weitestgehend den Schülern selbst überlassen. Zwar bieten auch Lehrer Arbeitsgemeinschaften an oder organisieren Theaterfahrten nach Halle, Leipzig und Weimar, doch die meisten AGs befinden sich fest in Schülerhand. Es gibt AGs zu Sprachen, Naturwissenschaften, Theater, Sport, Schülercafe, Amnesty International, Schülerzeitung und anderes mehr. Sofern benötigt, stehen dafür die Schulräume und die Sporthalle zur Verfügung; bei Räumen mit umfangreicher Sachausstattung (z.B. Sternwarte) liegen Schlüsselgewalt und Verantwortung bei festen Schülergruppen. Für's reine Ausspannen gibt es den Park, den angrenzenden Wald und die Nachbarorte Bad Kösen und Naumburg, bei schlechtem Wetter die gut bestückte Schülerbibliothek (mit über 8000 Titeln) und die Clubräume mit den Fernsehern. Etwa sechsmal im Jahr organisiert der Elferrat, ein Komitee aus Elftklässlern, eine Schülerdisco im Speisesaal, am Fasching auch mit umfangreichem Kulturprogramm.

8. Feste und Feiern

Zu jedem Gemeinschaftsleben gehören traditionelle Feste und Feiern, die dem Lauf eines Schuljahres einen gewissen Rhythmus verleihen. Auf die Immatrikulationsfeier für die neuen Schüler im August folgen der Neunerschwof im September, im November das festliche Martini-Gänseessen und die Ecce-Feier, bei der in der von Kerzenlicht erleuchteten Kirche der verstorbenen Portenser gedacht wird. In der Weihnachtszeit wird in allen Internaten gewichtelt, wobei es gilt, sich durch die Erledigung kleinerer Aufgaben Süßigkeiten und Geschenke zu verdienen. Im Frühjahr gibt es die oben schon erwähnte Faschingsdisco, im Mai das dreitägige Schulfest, das sich insbesondere auch an die ehemaligen Schüler wendet. Das Schuljahr klingt aus mit dem Abschlussprogramm der Musikabiturienten und mit der Entlassfeier der Abiturienten.

9. Schülerdienste

Ein Internat ist kein Hotel. Um die Schüler frühzeitig an die Übernahme von sozialer Verantwortung zu gewöhnen, gibt es zahlreiche kleinere Dienste, die reihum zu übernehmen sind. So wird jeder diensthabende Lehrer von einer täglich wechselnden Famula oder einem Famulus unterstützt, die den Eingang zum Internat im Auge behalten. Ferner gibt es täglich einen Keildienst, der zu Beginn und Ende der Unterrichtsstunden die Keilglocke läutet – die elektrische Klingel wird nur bei Feueralarm aktiviert. Auch bei den Mahlzeiten im Speisesaal wird der aufsichtführende Lehrer von zwei Tischdiensten unterstützt. Hinzu kommen weitere kleinere Dienste in den Internaten. Den umfangreichsten und angesehensten Dienst haben aber die Flursprecher, die bei ihren abendlichen Rundgängen die Vollzähligkeit auf ihren Fluren überprüfen, auf das soziale Miteinander achten und als gleichberechtigte Partner an den Internatskonferenzen teilnehmen.

10. Konfliktbewältigung

Das dichte Zusammenleben im Internat führt häufiger zu Konflikten als an einer normalen Schule. Denn obgleich (fast) alle Schüler das Vorhandensein von festen Regeln grundsätzlich bejahen, gibt es natürlich immer wieder Situationen, in denen der Einzelne der Meinung ist, dass seine besonderen Interessen in der konkreten Situation über den allgemeinen Regeln stehen und eine Ausnahme begründen. Dies im Konfliktfall gegeneinander abzuwägen gehört zu den heikelsten pädagogigschen Aufgaben eines diensthabenden Lehrers. Denn jeder Fall muss als Einzelfall behandelt und im Gespräch aufgearbeitet werden.
Je nach Schwere des Vorfalls erfolgt die Aufarbeitung auf verschiedenen Ebenen. Häufen sich kleinere Verstöße gegen die Internatsordnung oder gibt es Streitereien zwischen Mitschülern, wird der Fall in der Internatskonferenz beraten, in der die Hauseltern, die diensthabenden Lehrer des Internates und die Flursprecher als Schülervertreter beteiligt sind. Als pädagogische Maßnahme kann z.B. der Lichtschluss vorverlegt oder der verlängerte Ausgang für einen bestimmten Zeitraum gestrichen werden. Bei schwereren Verstößen übernehmen der Rektor, der Disziplinarausschuss, der aus vier Schülern und vier Lehrern gebildet wird, oder die Klassenkonfrenz die Aufarbeitung des Falles, wobei dann gewöhnlich auch die Eltern des Schülers eingeladen werden.
Der Aufwand für diese Art der Konfliktbewältigung mag recht hoch erscheinen, lohnt sich aber, da eine Internatsordnung letztlich niemals gegen die Schüler, sondern nur mit ihnen durchgesetzt werden kann. Nur selten zeigt sich, dass ein Schüler überhaupt nicht mehr bereit ist, einen Teil seiner Eigeninteressen den gemeinsamen Regeln unterzuordnen. In solchen Fällen ist die Trennung unvermeidlich, möglichst im gegenseitigen Einvernehmen.

11. Die sieben Todsünden

Zu den wenigen Fällen, in denen wir keine Basis mehr für ein gemeinsames Zusammenleben im Internat sehen und daher auf den Abgang von Schule und Internat bestehen, gehören:
  • Gewalt gegen Mitschüler oder Lehrer,
  • Vandalismus,
  • Diebstahl im Internat,
  • Rauchen und offenes Licht im Internat (Brandgefahr),
  • Konsum illegaler Rauschmittel,
  • übermäßiger Alkoholkonsum mit weitgehendem Verlust der Selbstkontrolle,
  • nächtliches Verlassen der Internate und des Schulgeländes.
© Landesschule Pforta. Zuletzt aktualisiert: 26.09.2011